Ich frage Sie mal direkt: Kennen Sie jemanden zwischen 31 und 40, der gerade wirklich gut schläft? Der abends abschalten kann – ohne Handy, ohne Gedankenkarussell, ohne das Gefühl, noch zehn Dinge erledigen zu müssen?

Ich frage, weil diese Altersgruppe in meiner Arbeit als Burnout LIFEBACK® Guide immer wieder auftaucht. Nicht als Ausnahme. Als Regel. Und jetzt bestätigen aktuelle Zahlen, was ich täglich erlebe: Das Burnout-Risiko ist zwischen 31 und 40 Jahren am höchsten – in keiner anderen Lebensphase schätzen sich mehr Menschen als gefährdet ein.

Das ist kein Zufall. Und es ist kein persönliches Versagen. Es ist ein strukturelles Problem – das wir verstehen müssen, wenn wir etwas verändern wollen.

Was die Zahlen sagen – und was sie verschweigen

Der Workplace Insights Report 2025 basiert auf den Daten von 79.416 Beschäftigten aus 357 deutschen Unternehmen. Das Ergebnis ist eindeutig: 18 Prozent der 31- bis 40-Jährigen schätzen sich als burnout-gefährdet ein. Zum Vergleich – bei Berufsanfängerinnen und Berufsanfängern unter 21 Jahren sind es gerade mal 6 Prozent. Das Risiko ist in dieser Lebensphase also dreimal so hoch (DearEmployee, 2025).

Aber was sagen die Zahlen nicht?

Sie sagen nicht, wie viele dieser Menschen seit Jahren funktionieren, ohne es zu merken. Sie sagen nicht, wie viele das Warnsignal „Erschöpfung" als normal abgetan haben. Und sie sagen nicht, wie viele schon längst an der Grenze sind – und trotzdem jeden Morgen aufstehen und weitermachen.

Das ist das eigentliche Problem dieser Lebensphase: Sie verändert sich schleichend. Man gewöhnt sich an den Druck. Man hält ihn für selbstverständlich. Und irgendwann reicht ein einziger zusätzlicher Stressor – ein schwieriges Projekt, ein Konflikt, eine schlaflose Woche mit krankem Kind –, um das System zum Kippen zu bringen.

Kein deutsches Problem: Was die Zahlen aus der Schweiz zeigen

Das Muster ist nicht auf Deutschland beschränkt. Auch in der Schweiz zeichnen Studien ein klares Bild – und es ist besorgniserregend.

Laut dem Job-Stress-Index, den Gesundheitsförderung Schweiz gemeinsam mit der Universität Bern und der ZHAW regelmässig erhebt, leiden knapp ein Drittel der Schweizer Erwerbstätigen unter emotionaler Erschöpfung. Das ist der höchste gemessene Wert seit Beginn dieser Studienreihe im Jahr 2014. Und die wirtschaftlichen Folgen sind immens: Ausfälle und Produktivitätsverluste durch Stress und Burnout kosten Schweizer Unternehmen jährlich rund 6,5 Milliarden Franken – rund ein Prozent des Bruttoinlandprodukts (Gesundheitsförderung Schweiz, 2022).

Besonders aufschlussreich ist eine Grossbefragung des Forschungsinstituts GFS Bern im Auftrag der SRG aus dem Jahr 2023: Darin gaben 25 Prozent der Schweizer Erwerbstätigen an, sich wegen ihrer Arbeit burnout-gefährdet zu fühlen. Ein Viertel. Und unter Frauen zwischen 16 und 39 Jahren ist die Selbsteinschätzung der Burnout-Gefährdung mit über 30 Prozent nochmals deutlich höher (GFS Bern / SRG, 2023).

Das trifft genau jene Altersgruppe, um die es in diesem Artikel geht.

Ich begleite in meiner Arbeit regelmässig Menschen in der Deutschschweiz – und ich beobachte dieselben Muster wie in Deutschland: die Sandwich-Phase zwischen Job und Familie, die Kultur des Funktionierens, die fehlende Erlaubnis, zu sagen «es reicht». Was sich unterscheidet, ist allenfalls das Setting. Das Grundproblem ist identisch.

Warum die 30er so viel Druck erzeugen

Diese Lebensphase ist keine Zufallsbeschleunigung. Sie folgt einem Muster.

Beruflich sind die 30er oft die Phase des Aufstiegs: mehr Verantwortung, mehr Führungsaufgaben, erste oder wachsende Teamleitungsfunktionen. Gleichzeitig läuft zu Hause das Familienmodell auf Hochtouren – Kinderbetreuung, Haushalt, Pflege älterer Angehöriger. Und dazwischen: gesellschaftliche Erwartungen, die selten ausgesprochen werden, aber immer spürbar sind.

Die Studiendaten zeigen: Beschäftigte zwischen 31 und 40 berichten am häufigsten von hohen Belastungen am Arbeitsplatz. Zeitdruck, emotionale Anforderungen und ständige Arbeitsunterbrechungen nehmen in dieser Phase besonders stark zu – und zählen gleichzeitig zu den fünf Faktoren mit dem größten Einfluss auf die psychische Gesundheit (DearEmployee, 2025).

Was mich in meiner Praxis immer wieder trifft: Viele meiner Klientinnen und Klienten in diesem Alter beschreiben das Gefühl, zwischen zwei Welten zerrissen zu werden. Im Job Stärke zeigen, zu Hause präsent sein, nach außen funktionieren. Das Erlaubnissystem, sich Schwäche einzugestehen, ist in dieser Phase oft vollständig abgeschaltet.

Und genau dort entsteht Burnout. Nicht an einem Tag. Über Monate. Manchmal über Jahre.

Was gleichzeitig abnimmt – und warum das so gefährlich ist

Doppelt kritisch wird die Situation, weil gleichzeitig die Schutzfaktoren schwinden.

Der Workplace Insights Report zeigt: Mit zunehmendem Alter berichten Beschäftigte seltener von Wertschätzung durch den Arbeitgeber. Die Work-Life-Balance verschlechtert sich – besonders rund ums vierte Lebensjahrzehnt. Das bedeutet: Mehr Belastung trifft auf weniger Regeneration. Mehr Druck trifft auf weniger Anerkennung.

Das ist eine gefährliche Kombination.

Denn Burnout entsteht nicht nur durch Überlastung allein. Er entsteht, wenn Belastung und Erholung dauerhaft aus dem Gleichgewicht geraten. Wenn jemand viel gibt – und wenig zurückbekommt. Wenn Engagement nicht gesehen wird. Wenn Leistung selbstverständlich wird.

Dr. Amelie Wiedemann, Geschäftsführerin von DearEmployee, bringt es auf den Punkt: Die steigende Burnout-Gefahr zeige, wie stark die Belastungen in der Lebensmitte zunehmen – durch mehr Verantwortung, höhere Arbeitsdichte und zusätzliche familiäre Aufgaben. Gleichzeitig wachse mit zunehmender Berufserfahrung die Fähigkeit, besser mit Belastungen umzugehen – was erkläre, warum das Risiko ab 41 leicht sinkt (DearEmployee, 2025).

Das ist aber kein Trost. Es ist ein Hinweis: Wer in der Phase zwischen 31 und 40 keine Ressourcen aufbaut, zahlt den Preis später.

Was in dieser Phase wirklich hilft

Ich erlebe es immer wieder: Die Menschen, die diese Phase gut bewältigen, machen nicht weniger – aber sie machen es anders. Sie haben konkrete Strategien entwickelt, um im Sturm handlungsfähig zu bleiben.

Frühwarnzeichen ernst nehmen. Chronische Erschöpfung, zunehmende Reizbarkeit, innere Leere – das sind keine Zeichen von Schwäche. Das sind Symptome eines Systems, das zu lange auf Hochtouren lief. Wer diese Signale ignoriert, verzögert keine Erschöpfung. Er vertieft sie.

Abgrenzung als Kompetenz, nicht als Luxus. Viele 30- bis 40-Jährige glauben, Grenzen setzen sei egoistisch. Das Gegenteil ist wahr. Wer keine Grenzen setzt, wird früher oder später nicht mehr liefern können – weder im Job noch zu Hause. Grenzen schützen Leistungsfähigkeit.

Führungskräfte brauchen das Gespräch. Wenn Sie Teamleiterin oder Teamleiter sind: Sie sehen täglich, wie Ihre Mitarbeitenden drauf sind. Ein kurzes, ehrliches Gespräch – nicht als Kontrolle, sondern als echtes Interesse – kann einen Unterschied machen. Nicht jeden. Aber manchmal den entscheidenden.

Schutzfaktoren aktiv aufbauen. Wertschätzung ist kein Soft Skill. Sie ist ein messbarer Schutzfaktor gegen Burnout. Was bedeutet das für Unternehmen? Dass BGM-Maßnahmen nicht für alle gleich sein können. Sie müssen lebensphasenangepasst sein – mit besonderem Fokus auf die 30er.

Fazit: Diese Lebensphase braucht Aufmerksamkeit – keine Durchhalteappelle

Burnout zwischen 31 und 40 ist kein Persönlichkeitsmerkmal. Er ist kein Zeichen, dass jemand nicht belastbar genug ist. Er ist das Ergebnis eines Systems, das strukturell zu viel verlangt – in einer Lebensphase, in der viele Menschen ohnehin schon am Limit sind.

Die Zahlen sind klar. Die Mechanismen sind bekannt. Was fehlt, ist der Entschluss – auf Unternehmensseite und bei Einzelnen –, früher hinzusehen und ehrlicher zu handeln.

Wenn Sie gerade selbst in dieser Phase stecken und merken, dass das Gleichgewicht kippt: Nehmen Sie sich fünf Minuten und fragen Sie sich, wann Sie zuletzt wirklich zur Ruhe gekommen sind. Nicht im Urlaub. Im Alltag.

Und wenn Sie Führungskraft sind und eines Ihrer Teammitglieder zwischen 31 und 40 ist und sich verändert hat – fragen Sie nach. Nicht als Vorwurf. Als Mensch.

Ich begleite Menschen in genau dieser Situation – in der Prävention, in der Nachsorge, beim Return-to-Work. Wenn Sie darüber sprechen möchten, vereinbaren Sie gerne einen kostenlosen Impact Call.

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Quellen

  • DearEmployee GmbH / Cluster Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg, Workplace Insights Report 2025, 79.416 Beschäftigte aus 357 Unternehmen – healthcapital.de
  • Gesundheitsförderung Schweiz / Universität Bern / ZHAW, Job-Stress-Index 2022srf.ch
  • GFS Bern / SRG, Wie geht's, Schweiz?, 2023, 57.000 Befragte – srf.ch
Bernd Sinzig – Burnout LIFEBACK® Guide, Experte für Burnout-Nachsorge, Return-to-Work und psychologische Sicherheit

Über den Autor

Bernd Sinzig ist spezialisierter Experte für Burnout-Nachsorge, Return-to-Work und psychologische Sicherheit in Unternehmen. Er betreibt den Burnout LIFEBACK® Guide und hat das Konzept des Posttherapeutischen Schocks™ entwickelt – die erste Definition weltweit für die kritische Übergangsphase nach der Burnout-Therapie.

Mit über 35 Jahren Erfahrung in HR, Führung und People Culture sowie psychologischen, pädagogischen und neurowissenschaftlichen Fachausbildungen begleitet er Betroffene, Unternehmen und Fachpersonen auf dem Weg zurück in einen gesunden Alltag. Gründungsmitglied EUPONS · Mitglied AFAN · Assoziiertes Mitglied Swiss Expert Network on Burnout.

📘 Praxisleitfaden E-Book: „Der Posttherapeutische Schock™"

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