In meinem letzten Artikel habe ich beschrieben, was Führungskräfte am Rückkehrtag sagen sollten und was nicht. Ein wichtiger Schritt fehlte darin. Bevor eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter überhaupt wieder im Büro steht, durchlebt die Person bereits die schwierigste Phase der ganzen Genesung. Sie beginnt nicht am ersten Arbeitstag. Sie beginnt am letzten Tag der Therapie.

Ich nenne diese Phase den Posttherapeutischen SchockTM. Und wer sie übergeht, riskiert genau das, was er verhindern will: den Rückfall.

Was mit dem Ende der Therapie wirklich beginnt

Die Therapie ist geschafft. Der Klinikaufenthalt vorbei, das Coaching abgeschlossen. Für viele im Umfeld ist damit die Sache erledigt: Der Betroffene ist „durch", jetzt kann es weitergehen. Genau hier liegt der Denkfehler.

Die Klinik oder das Coaching-Setting war ein geschützter Raum. Feste Strukturen, therapeutische Begleitung, Abstand vom alten Umfeld. Draussen wartet das Gegenteil: derselbe Arbeitsplatz, dieselben Kolleginnen, dieselben Erwartungen, die zum Zusammenbruch geführt haben. Der Mensch hat sich verändert. Das System um ihn herum nicht.

Der SRF-Wissensdienst fasst zusammen, was zahlreiche Untersuchungen zeigen: Wer nach einem Burnout offiziell wieder gesund ist, liegt statistisch trotzdem bei einer Rückfallquote zwischen 50 und 70 Prozent (SRF, 2013). Diese Zahl ist keine Randnotiz. Sie ist der Beweis, dass die eigentliche Gefahr nicht während der Therapie liegt, sondern in der Lücke danach.

Die Lücke, die niemand sieht

Der Posttherapeutische SchockTM ist die kritische Übergangsphase zwischen dem Ende der professionellen Begleitung und der vollständigen Rückkehr in Alltag und Beruf. In dieser Phase trifft frisch gelerntes, gesundes Verhalten auf ein unverändertes Umfeld und wird dort auf die Probe gestellt, bevor es sich gefestigt hat.

Diese Phase zeigt sich typischerweise in drei Mustern:

Die Sicherheit bricht weg.
In der Therapie gab es einen festen Rhythmus: Termine, Ansprechpersonen, klare Struktur. Danach steht die Person plötzlich allein da, mit neuen Einsichten, aber ohne das Gerüst, das sie beim Üben gehalten hat.

Die alte Rolle wartet unverändert.
Kolleginnen und Kollegen erwarten die Person zurück, wie sie vorher war. Niemand hat in der Zwischenzeit die Arbeitslast neu verteilt oder die Strukturen hinterfragt, die zum Burnout geführt haben.

Die Angst vor der Angst setzt ein.
Jede Situation, die an die frühere Erschöpfung erinnert, kann die Frage auslösen: Geht das jetzt wieder los? Dieses Grübeln allein kann neuen Stress erzeugen, noch bevor überhaupt eine reale Überlastung vorliegt.

Warum das für Führungskräfte relevant ist, nicht erst am Rückkehrtag

Der Fehler vieler Unternehmen: Sie planen Return-to-Work erst ab dem ersten Arbeitstag. Doch der Posttherapeutische SchockTM beginnt Wochen davor. Wenn eine Führungskraft erst am Tag der Rückkehr aktiv wird, kommt sie in eine Phase, die längst läuft und in der viele der entscheidenden Weichen bereits gestellt sind.

Was das konkret bedeutet: Der erste Kontakt sollte nicht der Rückkehrtag sein, sondern schon zwei bis drei Wochen davor. Ein kurzes, unverbindliches Gespräch, kein Verhör und keine Leistungsbewertung. Nur die Frage: Wie geht es Ihnen mit dem Gedanken an die Rückkehr, und was würde Ihnen den Einstieg erleichtern?

Diese Vorlaufzeit gibt der Führungskraft die Möglichkeit, die Arbeitslast realistisch zu planen, statt am ersten Tag zu improvisieren. Und sie gibt der zurückkehrenden Person das Signal, das in dieser Phase am meisten fehlt: Jemand sieht, dass gerade etwas Schwieriges passiert, nicht erst, wenn die Person wieder am Schreibtisch sitzt.

Was ich damit meine, wenn ich sage, es fehlte im letzten Artikel

Konkrete Sätze, feste Gesprächstermine, der Drei-Fragen-Check: all das bleibt richtig. Aber es setzt zu spät an, wenn es erst am Rückkehrtag beginnt. Der Posttherapeutische SchockTM ist bereits im Gang, während das Unternehmen noch glaubt, es habe Zeit bis zum ersten Arbeitstag. Wer diese Lücke kennt, kann früher handeln. Genau das senkt das Risiko eines Rückfalls, den kein Unternehmen sich leisten will.

Wenn Sie sich fragen, wie Ihr Unternehmen diese Übergangsphase konkret gestalten kann, lohnt sich ein Gespräch, bevor der nächste Rückkehrtag ansteht.

Impact Call vor dem nächsten Rückkehrtag vereinbaren

Quellen

  • SRF Wissen, „Burnout überstanden – auf Dauer oder nur fürs erste?", 2013 – srf.ch
  • Konzept „Posttherapeutischer SchockTM": Bernd Sinzig, Burnout LIFEBACK® Guide.
Bernd Sinzig – Burnout LIFEBACK® Guide, Experte für Burnout-Nachsorge, Return-to-Work und psychologische Sicherheit

Über den Autor

Bernd Sinzig ist spezialisierter Experte für Burnout-Nachsorge, Return-to-Work und psychologische Sicherheit in Unternehmen. Er betreibt den Burnout LIFEBACK® Guide und hat das Konzept des Posttherapeutischen SchocksTM entwickelt – die erste Definition weltweit für die kritische Übergangsphase nach der Burnout-Therapie.

Mit über 35 Jahren Erfahrung in HR, Führung und People Culture sowie psychologischen, pädagogischen und neurowissenschaftlichen Fachausbildungen begleitet er Betroffene, Unternehmen und Fachpersonen auf dem Weg zurück in einen gesunden Alltag. Gründungsmitglied EUPONS · Mitglied AFAN · Assoziiertes Mitglied Swiss Expert Network on Burnout.

📘 Praxisleitfaden E-Book: „Der Posttherapeutische SchockTM"

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